Hegyi Ádám
Der Verbundkatalog der alten Drucke in Ungarn
Das Projekt, dass im Herbst 2003 in der Nationalbibliothek Széchényi unter den Namen alte Bücher "MOKKA" (Magyar Országos Közös Katalógus - Ungarischer Landesweiter Gemeinsamer Katalog) gestartet wurde, hatte grundsätzlich zwei Ziele.1 Eines der Ziele war es, dass der Katalog als ein Standortverzeichnis der in Ungarn auffindbaren, vor 1800 angefertigten Drucke, und als ein Register von dessen individuellen Angaben fungiert. Das andere Ziel war die Erhöhung der Aufarbeitungsgeschwindigkeit der alten Drucke dadurch, dass der Katalog einen via Internet erreichbaren Katalogisierungsmodul für solche Sammlungen bietet, wo bisher keine Erschließungsarbeit erfolgte. Natürlich knüpfen hier noch weitere Erwartungen an, wie z.B., dass das Projekt als ein gemeinsamer alter Bücherkatalog des ganzen Karpatenbeckens funktionieren soll, und dass er mit vielen buchgeschichtlichen Angaben (z.B. Possesor, Exlibris, Einband, Eintragungen) erweiterbar sein soll. In der Praxis wird dies eine Dienstleistung sein, die gleichzeitig als ein gemeinsamer Katalog, und ein Katalogisierungsmodul funktionieren wird, bzw. wird sie für buchgeschichtlichen Forschungen geeignet sein. Im Folgenden wird vorgestellt, wie weit die bisherige Entwicklung gekommen ist, und was für weitere Entwicklungen zu erwarten sind.
Im Dezember 2003 wurde eine landesweite Studie über die aktuelle Lage der heimischen Sammlungen gestartet. Im Rahmen dieser Studie wurde die Größe der musealen Bestände, die Charakteristika der Erhebungskataloge und die Computerinfrastruktur festgestellt. Zur Zeit gibt es in Ungarn insgesammt 234 Sammlungen, wo irgendwelcher Bestand von Druckwerken, die vor 1850 angeferitgt wurden, zu finden ist. Davon konzentriert sich 90% der alten Drucke auf ungefähr 20 Bibliotheken. Die Studie wurde daher nur in den größeren Institutionen durchgeführt. Fragebögen wurden an 118 Stellen verschickt und davon wurden 49 beantwortet. Hierdurch entstand das folgende Bild: In den ungarischen Bibliotheken sind insgesamt ungefähr 1 Million alte Drucke zu finden, von denen mit Hilfe irgend eines Mittels (Zettel, gedruckte Kataloge, PC-s) ungefähr 80% aufgearbeitet sind. In digitaler Form jedoch lediglich 5%. 88% der Computerbestände sind in irgendeiner integrierten Bibliotheksoftware gespeichert, 12% sind in einem anderen Datensystem enthalten (Folio, Word). Das bedeutet, dass einerseits fast alle Dateien (files) konvertiert werden müssen, und andererseits, dass die tatsächliche Beschreibung vieler Bücher noch auf sich warten lässt. Es ist wichitg zu betonen, dass in der Nationalbibliothek Széchényi in einigen Jahren durch die Konversion der alten Katalogen eine Großzahl von HUNMARC Rekords entstehen wird.
Was die Computerinfarstruktur angeht sind die Gegebenheiten ziemlich verschieden. Die Hälfte der Bibliotheken verfügt über irgend einen Internetanschluss, ADSL ist am meisten verbreitet. An einem gemeinsamen Katalogosierungssytem (MOKKA, THECA-Suchsystem der kirchlichen Bibliotheken, VOCAL-Corvina integriertes Bibliotheksystem) sind 14 von ihnen beteiligt. 82% der Biblotheken besitzt mindestens einen PC, der zu Bibliotheksarbeiten benutzt wird. Für die Instandhaltung und Entwicklung dieser Geräte haben 21 Bibliotheken einen eigenen IT-Manager, Programmierer oder Informatiker. Nur eine ziemlich geringere Zahl (27 Sammlungen) der Institutionen beschäftigt einen Fachmann, der sich mit der Bearbeitung der alten Drucke auskennt.
Nach der Klärung der Umstände wird ein Versuch gestartet den Mechanismus des Projekts so zu gestalten, dass es die Umstände best möglich fördert. Paralell läuft daneben noch die Fertigung einer detaillierten Machbarkeitsstudie und der Ausbau einer Testdatenbank.
Zuerst sollten der Reihe nach alle institutionellen Kooperationsschritte aufgezählt werden. Für die Testphase hat die Nationalbibliothek Széchényi, die Universitäts- und Nationalbibliothek der Universität Debrecen (Debreceni Egyetem Egyetemi és Nemzeti Könyvtár), die Universitätsbibliothek der Universität Eötvös Loránd in Budapest (ELTE Egyetemi Könyvtár), die Ráday Sammlung der Reformierten Kirchengemeinde an der Donau (Dunamelléki Református Egyházkerület Ráday Gyûjteménye), und die Universitätsbibliothek der Universität Szeged eine lockere Zusammenarbeit verwirklicht, in deren Rahmen sie Musterrekords an die Datenbank überreicht hatten. Danach erfolgte die Konversion der Rekords aus verschiedenen Datenbanken ins XML. Dies war nötig, weil XML eine Speicherform ist, die viel leichter zu modifizieren ist als jedes andere integrierte Bibliotheksystem. Die Variabilität der Speicherkonstruktion ist nötig, weil die Struktur der Datenbank während der Entwicklung wahrscheinlich mehrmals modifiziert werden muss, überdies ist jedweder digitaler Bestand einfach in XML zu konvertieren.
Auf der gegenwärtigen Ebene der Entwicklung hat dieser Katalog ermöglicht, dass Bestände aus verschiedenen Systemen gleichzeitig recherchierbar sind. Im Internet ist dieser OPAC auf der Webseite http://www.eruditio.hu/lectio zu finden. Da sich die Arbeit noch in der Planungsphase befindet, funktioniert diese Seite nicht immer einwandfrei, bzw. ist sie bisweilen nur über den Browser Mozilla vollständig benutzbar. Den Versuchsbestand des gemeinsamen Katalogs bildet der Antiqua-Katalog der Nationalbibliothek Széchényi und der Bibliothek Szabó Ervin in Budapest (FSZEK), zu dem die Materialien von Szeged, von Debrecen, von der Library of Congress und von der Consortium of European Research Libraries (CERL) virtuell angebunden sind. Dies zeigt, dass das System schon jetzt fähig ist, in verschiedenen Bibliotheksdatenbanken standardiesiert (Z39.50) zu recherchieren. Überdies wird es in nähester Zukunft möglich sein von der Datenbank in USMARC, in XML und in schriftlicher Form zu herunterzuladen.
Über den oben Erwähnten hinaus werden im Späteren die elektronischen Versionen der Bücher aus den Bänden RMK (Régi magyar könyvtár - Alte Ungarische Bibliothek) und RMNY (Régi magyarországi nyomtatványok - Alte Ungarische Drucke) den primären Bestand des gemeinsamen Katalogs bilden. Danach werden die Computerrekords der zukünftigen Teilnehmer in die Datenbank aufgenommen, die Aufladung der nicht bearbeiteten Bücher läuft paralell.
Im Interesse der später auftauchenden Bedürfnisse ist die Datenstruktur des alten Bücherkatalogs mit der Datenbank des Projekts Eruditio2 verbunden. Dies bedeutet, dass auch die Durchführung komplexer und tiefer Recherchen technisch ermöglicht wurde; wenn man nämlich den Namen eines Autors wissen möchte, erfährt man nicht bloß wieviele Werke von ihm in Ungarn zu finden sind, und wo, sondern auch von wem und wo sie zwischen 1500 und 1700 gelesen wurden.
Seit der Beginn im September 2003 gab es außer den technischen Ergebnissen auch institutionelle Entwicklungen. Der wichtigste davon ist die Fertigstellung der ersten Fassung der gemeinsamen Katalogiesierungsregelung. Unsere Arbeit wird erheblich dadurch erleichtert, dass paralell hierzu 2004 in der Nationalbibliothek Széchényi auch der Beschreibungsstandard der alten Drucke ausgearbeitet wird.
Basierend auf die oben erwähnte Zusammenarbeit der Institutionen, wurde die Ausarbeitung einer juristischen Zusammenarbeit gestartet. Dies ermöglicht, dass jede an den Beitritt interessierte Sammlung mit eindeutigen Voraussetzungen im gemeinsamen Katalog Mitglied werden kann.
In diesem Jahr sind noch weitere Entwicklungen geplant, und zwar für die Suchfläche, für die Katalogisierungsregeln und in der Form der Zusammenarbeit. Außerdem wird die Planung des Katalogisierungsmoduls und die Auf- und Herunterladung des Bestands begonnen. Betrachten wir diese Arbeiten etwas detaillierter.
Der OPAC wird in einigen Monaten seine endgültige Form erhalten. Es wird die Möglichkeit geboten, getrennt nur in den Materialien des landesweiten alten Bücherkatalogs zu recherchieren, oder gemeinsam mit dem Bestand des Projekts Eruditio. Dies erfolgt durch ein Formular, das einfachen und komplexen Datenabruf ermöglicht, wobei Boole-Operatoren und reguläre Ausdrücke auch verwendbar sind. Diese Suchfläche maximalisiert die Zahl der Treffer nicht, sie ist in der Lage, alle Treffer anzuzeigen.
Bis Ende 2004 muss die gemeinsame Katalogisierungsregelung die Regeln der Bibliographibeschreibung in endgültiger Form enthalten. Wahrscheinlich wird die Ausarbeitung der Beschreibungsregeln der individuellen Charakteristika (Possessor, Exlibris, Einband usw.) ein längerer Prozess sein, ähnlich wie der Entwurf einheitlicher Formen für Personennamen, geographische Namen, und Körperschaftsnamen. Für Letztere sind zum Glück viele heimische Datenbanken schon jetzt verwendbar, wie z.B.: Clavis Typographorum Hungariae,3 Alte ungarländische Autoren.4
Wenn die Machbarkeitsstudie durchgeführt wird, wird auch eindeutig, in welchem Rahmen sich die Weiterführung des Projekts lohnt. Es scheint eindeutig zu sein, dass die Notwendigkeit eines Zusamennarbeitsabkommens zwischen den teilnehmenden Institutionen besteht. Die Frage ist nur, ob dies als Teil der "MOKKA" Oragnisation geschehen soll, oder im Rahmen der Nationalbibliothek Széchényi, eventuell in einer selbständigen Organistaionsform.
Der gemeinsame Katalog basiert auf das Prinzip, dass im Fall der alten Drucke ein individuelles Exemplarregister nötig ist, da jedes Buch über einen erheblichen kulturellen Wert verfügt. Bisweilen sind die einzelnen Rekords der registrierten Bestände zerstückelt gespeichert, die übereinstimmenden Rekords wurden nicht vereinheitlicht. Im Späteren muss aber entschieden werden, wann die Vereinheitlichung der übereinstimmenden bibliographischen Daten nötig wird. Der Bedarf daran kann auftauchen, wenn jemand auf die ungarischen Exemplare eines Werkes neugierig ist, oder wenn jemand zu den vorhandenen Rekords der Datenbank neue Exemplardaten hinzuschreiben möchte.
Da die Datenbank die Angaben in XML speichert ist die Handhabung dieser Exemplardaten einfacher zu gestalten, als in MARC. Trotzdem ist es unser Ziel, dass die Datenstrukturen im Einklang mit den Angaben von MARC holding sind. Dementsprechend wird die Aufladung der Rekords auf zwei Arten geschehen. Mit der einen Methode kann ein Buch im eigenen Katalogisierungsmodul des Projekts bearbeitet werden. Die andere Möglichkeit ist, dass die gegebene Bibliothek das Buch regelmäßig an den gemeinsamen Katalog aushändigt. Dieser Prozess wird dadurch kompliziert, dass die schon aufgeladenen Rekords eventuell modifiziert werden müssen. Der Prozess wird aber vereinfacht, so dass die Bibliotheken, mit Hilfe des Standards Z39.50 und OAI (Open Archives Initiative) , irgendwelche Beschreibungsdaten leicht unter einander austauschen können.
Die Zeichenkodierung der verschiedenen Systeme bedeutet ein Problem an sich. Der Zentralkatalog verwendet die UNICODE Kodierung, die geeignet ist, alle Zeichen, die es in den Sprachen auf der Welt gibt, zu speichern, deshalb wird jede eintreffende Datenbank Rekord in diese Zeichenkodierung konvertiert. Dies löst natürlich das Problem nicht, dass durch die verschiedenen Katalogisierungsregeln die nicht aus dem lateinischen Alphabet stammenden Buchstaben auf diverse Arten kodiert werden.
Im Gegensatz zu "MOKKA" wird dieses Projekt auf jeden Fall ein eigenes Katalogisierungsmodul enthalten. Dies ist desalb nötig, weil viele Bibliotheken über keine PC-Mittel für die Bearbeitung ihrer Bücher verfügen. Dieses Modul kann mit bedeutend geringeren Kosten installiert und betrieben werden, als ein integriertes Bibliotheksystem, denn es bedarf eines minderleistungsfähigen PC-s, eines Internetzugangs - besser als per Modem - und eines Browserprogrammes. Es geht hier einfach darum, dass die Bibliotheken mit Hilfe eines Online-Formulars die Datenbank benutzen können, es wird sogar kein Informatiker dazu benötigt, denn die Instandhaltung gehört nicht zum Aufgabenbereich der Institutionen. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Sammlungen, die schon irgendeine funktionierende Bibliotheksoftware besitzen auch dieses System wählen müssen.
Die Datenbank benutzt zur Zeit die Computerinfrastruktur von UB Szeged. Diese Lösung ist auch längerfristig sinnvoll, da dieses Hardware- und Softwareumfeld stabil und zuverlässig für die Bedienung des Projekts sein wird. Es bedeutet eine größere Herausforderung den Informatikhintergrund bei den teilnehmenden Institutionen zu gewährleisten, vor allem dort, wo gar keine PC-s vorhanden sind. Die Lösung dieses Problems können gemeinsam eingereichte Bewerbungen bedeuten. Es ist genauso wichtig Fachleute in die Arbeit einzugliedern, die fähig sind, die bibliothekarische Bearbeitung solcher spezifischen Drucke vorzunehmen. Ausbildungen in dieser Fachrichtung werden demnächst in Szeged und in der Nationalbibliothek Széchényi gestartet.
Die Bearbeitung der Bücher in Ungarn, die vor 1800 angefertigt wurden, wird auch so mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen, trotzdem ist dieses Projekt bemüht, diesen Prozess zu beschleunigen.