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Ülle Möller

Die Altbestände der Universitätsbibliothek Tartu und ihre Widerspieglung im elektronischen Katalog

 

I. Übersicht über den historischen Bestand der Universitätsbibliothek Tartu.

Die Universitätsbibliothek Tartu wurde im Jahre 1632 gegründet, bald darauf im Jahre 1710 nach Einstellung der Lehrtätigkeit der Univeristät nach Schweden befördert und befindet sich bis heute in der Königlichen Bibliothek in Stockholm. Nur ein einziges im Jahre 1935 nach Tartu zurückgelangtes Buch bewahrt in der heutigen Universitätsbibliothek Tartu die Verbindung zu der einstmaligen Bücherei. Die 1802 wiedereröffnete Universität nahm ihre Tätigkeit mit einer neuen, sich aufbauenden Bibliothek auf, deren Erwerb durch Schenkungen und Käufe schon zwei Jahre früher begonnen hatte.

Im Laufe von fast zwei Jahrhunderten hat die Bibliothek einen repräsentativen Bestand an älterer Literatur aufgebaut. Von insgesamt 3,7 Millionen bibliographischen Einheiten Monographien, Dissertationen, Zeitungen, Zeitschriften, Karten, Noten und Ephemera der Universitätsbibliothek Tartu bildet der historische Bestand bis 1900 (Monographien, Dissertationen) etwa ein Sechstel, d. h. rund 600.000 Bde. Mehr als 2000 Titel stammen aus dem 15. bis 16. Jh., darunter 48 Inkunabeln, 16.000 Titel aus dem 17. Jh., davon etwa die Hälfte sind Dissertationen und sonstige akademische Schriften, fast alle von deutschen Universitäten. Der Hauptteil des historischen Bestandes entfällt auf das 18. und 19. Jh., wobei aus dem 18. Jh. schätzungsweise 75.000 Bde vorliegen. Aus dem Gesichtspunkt der Wissenschaftsgeschichte ist dieser Teil des historischen Bestands besonders präsentabel und kompakt. Den Bestand bereichert wesentlich die eigenartige Dissertationensammlung.

Die Universitätsbibliothek verfügt über eine wertvolle Sammlung von insgesamt fast 500.000 Dissertationen und anderen akademischen Schriften. Der Aufbau der Sammlung begann in den vierziger Jahren des 19. Jhs, obwohl Dissertationen schon seit 1802 und insbesondere seit 1818 erworben wurden, als die Bibliothek dem Tauschverein der deutschen Universitäten mit damals 19 Teilnehmern beitrat. Um die Wende vom 19. zum 20. Jh. unterhielt die Bibliothek Tauschbeziehungen mit 82 Hochschulen in 17 Staaten.

Der historische Bestand der Dissertationensammlung (bis 1918) zählt 230.000 Druckeinheiten, davon entfallen mehr als 40 auf das 16. Jh., 3700 auf das 17. Jh., 5700 auf das 18. Jh. und etwa 170.000 auf das 19. Jh. Einen Schwerpunkt bilden die Dorpater Dissertationen seit der Neugründung der Universität 1802, die man möglichst vollständig zu sammeln suchte. Die in geringer Zahl vorhandenen lateinischen Disputationen und Orationen aus der älteren Periode Universität (1632-1710) wurden der Estica-Sammlung einverleibt.

Estica-Sammlung enthält fremdsprachige Literatur, die sich auf Alt-Livland und die späteren Ostseeprovinzen Russlands (Estland, Livland, Kurland) bezieht, ferner die in Estland erschienene Literatur sowie belletristische Werke estnischer Autoren in Fremdsprachen. Zur Rara werden gezählt nahezu 300 im 16.-17. Jh. in Est- und Livland erschienene fremdsprachige Bücher, darunter 58 Titel aus der Produktion der Universitätsdruckerei der schwedischen Zeit. Ebenfalls wird in der Rarasammlung die Druck- und Verlagsproduktion von M. G. Grenzius, des ersten Druckers der 1802 neueröffneten Universität Tartu, aufbewahrt. Die historische Druckproduktion der Universität ist eines der Forschungsthemen der Handschriften- und Rara-Abteilung. Im Jahre 1985 erschien der Druckkatalog "Druck- und Verlagsproduktion von M. G. Grenzius 1786-1818" von unserer Kollegin Frau Ene-Lille Jaanson und im Jahre 2000 die1389 Titelaufnahmen umfassende Bibliographie der Dorpater Druckschriften des 17. Jahrhunderts "Die Druckerei der Universität Dorpat 1632-1710: Geschichte und Bibliographie der Druckschriften" von derselben Verfasserin. Zur Zeit forscht sie schon am nächsten Thema, am nächsten Drucker -Verleger der Universität Dorpat - Johann Christian Schünmann.

II. Elektronische Erschliessung alter Drucke (bis 1830).

Zur Zeit sind in unserem elektronischen Katalog ESTER ca 11 500 Titel alter Drucke (erschienen bis 1830) nachgewiesen.

Man begann mit der elektronischen Aufnahme der alten Drucke (erschienen bis 1830) in INNOPAC (d. i. das integrierte Informationssystem in 7 großen wissenschaftlichen Bibliotheken Estlands) im Jahre 1999. Mit der elektronischen Aufnahme beschäftigten sich die Angestellten der Abteilung der Retrokatalogisierung im Rahmen eines OSI-Projekts. Das war Katalogisierung nach Autopsie anhand des historischen Zettelkatalogs der fremdsprachigen Literatur. Um schneller weiterzugehen, wurde auf die Schlagwortgebung und Exemplarbeschreibung verzichtet. Zur Zeit hat man angefangen, diese Entscheidung zu revidieren.

Infolge der Umstrukturierung der Universitätsbibliothek Tartu im Jahre 2002 wurde die Abteilung für Retrokatalogisierung liquidiert und die Retrokonversion der Zettelkataloge der fremdsprachigen Literatur gestoppt. Deshalb beschäftigt man zur Zeit in unserer Bibliothek mit der elektronischen Katalogisierung alter Drucke in der Abteilung für ausländische Literatur und nicht systematisch. Gründe dafür sind andere Prioritäte der Bibliothek (Projekte der Nationalbibliograhie und Retrokonversion der Kartenkataloge der Bücher ab 1945), vor allem aber knappe finanzielle Ressourcen und der dadurch bedingte Mangel an Arbeitskraft. Zur Zeit ist in den drei wissenschaftlichen Bibliotheken Estlands (in der Nationalbibliothek, in der Bibliothek der Pädagogischen Universität und in der Bibliothek der Universitätsbibliothek Tartu ) aktuell, CERL (The Consortium of European Research Libraries) gemeinsam beizutreten, um die elektronische Katalogisierung alter Drucke fortzusetzen. Damit werden folgende Fragen aufgeworfen : wie weiterzugehen, welche Sammlungen, welche Zeitspanne vom Altbestand elektronisch zu katalogisieren ? Sinnvoll wäre es, die Vorarbeit der Handschriften- und Rara-Abteilung zu benutzen und auf Grund der alphabetischen Kataloge oder Karteien der Sondersammlungen oder einiger Teile der Bestände (wie alphabetische Kataloge der westeuropäischen Bücher des 16. u. 17. Jh. und der Elzeviere, Kataloge der Estica-Frühdrucke, Kataloge der Privatsammlungen von P. K. Alexandrov, G. Bergmann usw.) weiterzugehen. Auch Schlagwortgebung und Exemplarbeschreibung sollte losgehen, wenigstens bei Frühdrucken und seltenen Büchern.

Unsere Bibliothek hat auch am internationalen Projekt "Handbuch des personalen Gelegenheitsschrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven" teilgenommen, das das Gelegenheitsschrifttum des 16.-18. Jh. registriert, erschliesst und verfilmt. Die Druckkataloge sind schon erschienen.

III. Elektronische Bestände der Handschriften- und Rara-Abteilung der Universitätsbibliothek Tartu.

Die Handschriften- und Rara-Abteilung der Universitätsbibliotek Tartu arbeitet seit einigen Jahren daran, unsere Alt- und Sondersammlungen über Internet zugänglich zu machen und das grossenteils im Rahmen der täglichen Bibliotheksarbeit, teils im Rahmen der Projekte. Die Rara-Abteilung sammelt, aufbewahrt und macht zugänglich viererlei Art von Materialen:

1)Frühdrucke und seltene Bücher (die Rara-Sammlung zählt rund 16 000 Bände vom Jahre 1470 an bis in die jüngste Vergangenheit),
2)Handschriften (umfasst über 33 326 Bestandseinheiten aus dem 11./12. Jahrhundert bis auf den heutigen Tag),
3)Kunstwerke (den wertvollsten Teil bilden nahezu 11 000 Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen, Lithographien und Handzeichnungen aus dem 15.-19. Jh.) und
4)Photos (über 38 000 Fotos).

Elektronisch erfasst als Sammlungen sind fast alle geordnete Personenarchivs der Bibliothek (137), Archivbestände der Institutionen und Körperschaften (26) und Handschriften- und Briefkollektionen (7), ebenso Photosammlung mit 7 Sondersammlungen. Auf dem Homepage der Universitätsbibliothek Tartu http://www.utlib.ee kann man in der Gesamtliste der Archivbestände nach obererwähnten Gruppen blättern. Es gibt einen Link zwischen den Kurzaufnahmen der Verzeichnisse der Archivbestände und der Katalogaufnahme im elektronischen Katalog ESTER. Viele Archivverzeichnisse (30) sind schon auch online zugänglich, das im PDF- oder HTML-Format. Sie öffnen sich sowohl in der Katalogaufnahme im elektronischen Katalog ESTER, als auch durch die entsprechende Aufnahme in der Online-Datenbank der Personenarchivs im Internet.

Auch die Einzelarchivalien werden elektronisch katalogisiert. Z.B. die Korrespondenz aus dem Personenarchiv von Professoren Juri Lotman und Zara Mints - 2011 Titel im Katalog. Wichtig dabei ist die Online-Recherche in den Korrespondenzen und Briefsammlungen. Die elektronischen Titelaufnahmen im Gesamtkatalog bildeten die Grundlage für eine Online-Datenbank. Oder die Autographensammlung von Friedrich Ludwig Schardius (1795-1855), Archivar bei der Wissenschaftlichen Akademie in Sankt Peterburg, Konservator in Ermitage - 3104 Titel sind im elektronischen Katalog ESTER erfasst. Insgesamt gibt es im elektronischen Katalog ESTER über 6000 Titelaufnahme der Handschriften.

IV. Digitalisierte Bestände der Handschriften- und Rara-Abteilung.

Das Digitalisieren ist in mehreren Richtungen angefangen : man dgitalisiert Bildsammlungen (Photos, Graphik, Zeichnungen und Gemälde), Frühdrucke und seltene Bücher und historische Autographen. Die Dateien der digitalisierten Bestände werden auf dem Server der Universitätsbibliothek Tartu aufbewahrt. Im Hauptteil ist der Zugriff auf das digitalisierte Material durch den elektronischen Katalog ESTER möglich : im Katalogaufnahme gibt es einen Link (Connect to) zum Quellenmaterial im Online-Version. Die Sammlungen können parallel auch selbstständige Online-Datenbanke sein. Die Dateiformate für den Text im Internet sind PDF oder HTML und für Bilder GIF und JPG. Bilder werden mit 300 dpi im TIFF-Format gescannt, was für Archivieren und Reproduzieren befriedigend ist (Archivkopien in CD-ROMs), danach werden die Bilddateien für die Voransicht im Internet mit 100 dpi in das JPEG-Format konvertiert. Die Digidateien werden so mit den Titelaufnahmen im Web-Katalog verknüpft. Es gibt eine Online-Recherche-Möglichkeit.

Die Online-Datenbanke:

1) Die Online-Datenbanke von Porträts (Photos, Graphik, Gemälde, Bilddrucke), Ortsaufnahmen und Autographen .
Sie werden ständig ergänzt. Im elektronischen Katalog ESTER gibt es zur Zeit ungefähr1150 Titel von Photos (ca 1000 Portäts und 150 Ortsaufnahmen), digitalisiert und mit der Titelaufnahme im elektronischen Katalog ESTER verknüpft sind 1780 Porträts und Ortsaufnahmen, darunter 1011 Stereofotos von der Sammlung von Herrn Prof. Edmund Russow (1841-1897), des Direktors des ehemaligen Botanischen Gartens in Tartu.

2) Die Online-Datenbank der historischen Autographen enthält 624 Autographen der Autographensammlung von Friedrich Ludwig Schardius. Die Bilddateien sind mit den Titelaufnahmen im elektronischen Katalog ESTER verknüpft. Der Zugriff auf das digitalisierte Material ist durch den elektronischen Katalog ESTER möglich.

3) Kleinere digitalisierte Datenbank - raritäte Photos von Talbots - William Henry Fox Talbot (1800-1877), der englische Physiker und Chemiker, war der Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens in der Photographie. Visualisiert sind 10 Kalotype von Talbot.

4) Alte Karten - das Material der Ausstellung, umfasst 23 alte Karten von Estland, Livland und Russland.

5) Karl Ernst von Baer - das Material der Ausstellung, gewidmet zum 210. Geburtsjahrestages von K. E. v. Baer (1792-1876), den Entdecker der Eizelle von Säuger und Mensch.

Die im Rahmen der Projekte entstandene Online-Datenbanke:

1) Westeuropäische Frühgraphik - eine Virtualausstellung, die den älteren Teil der Graphiksammlung der Universitätsbibliotek Tartu bekanntmacht (westeuropäische Graphik aus dem 15.-18. Jh. und frühe deutsche Litographie). Umfasst 135 Werke von 89 Künstlern. Der Virtualausstellung liegen die im Jahre 2002 zum 200. Jahrestag der Bibliothek veranstaltete Graphikausstellung und die erschienenen Druckkataloge der Graphiksammlung zugrunde. Aus den 9 Druckkatalogen der Graphiksammlung sind 3 elektronisch publiziert. Die Datenbank basiert nicht auf den Katalogaufnahmen.

2) Deutschbaltische Kunst - ein laufendes Projekt, umfasst Graphikblätter, Zeichnungen und Gemälde, wird fast in demselben Umfang wie die vorstehend erwähnte westeuropäische Frühgraphik realisiert.

3) Digitalisierte Bücher (das Projekt "Der digitale Textcorpus der älteren estnischen Literatur") - ein laufendes Projekt, ein literatur- und kulturhistorisches Digiprojekt zwischen der Abteilung der Literatur und der Folklore der Tartuer Universität und der Universitätsbibliothek, das die dokumentierte Auswahl der estnischen Literaturgeschichte darstellt.


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